Die Treibjagd auf den Bundespräsidenten hatte offenbar als Ziel, dieses höchste Staatsamt zu torpedieren und den Präsidenten aus dem Amt zu jagen. Egal mit welchen Mitteln. Dazu wurden in den letzten Tagen immer hahnebücherne Argumente aufgetischt, und die öffentliche Meinung massiv manipuliert. An sich völlig unverdächtige Handlungen und Äußerungen des Herrn Wulff wurden gegen ihn verwandt, jede Silbe seiner Äußerungen auf die Goldwaage gelegt und in haarspalterischer Weise seziert. An der Spitze der Bewegung die BILD-Zeitung, die offenbar einen Privatkrieg gegen den Präsidenten führt und (aus welchem Grund auch immer) sein Scheitern will (vielleicht gehts dabei ja gar nicht um Wulff, sondern er ist eher ein Bauernopfer, um das ganze eher ein Warnschuß in Richtung Angela Merkel, mehr auf die Ansagen aus dem Springer Verlag zu hören. Aber das ist jetzt nur Spekulation).
In jedem Fall haben alle, und ich meine hier wirklich alle Medien, unreflektiert bei diesem bösen Spiel mitgemacht. Es war wie die Schluss-Szene aus dem Buch “Das Parfüm” vom P. Süskind, wo sich eine ganze Stadt in einen hirnlosen Gefühlsrausch begibt… um dann am nächsten Tag voller Scham und Ratlosigkeit über die eigene Entblößung buchstäblich nackt da zu stehe. So auch hier: alle haken gedankenlos auf dem Bundespräsidenten rum, obwohl er rein faktisch gar nichts gemacht hat. Lediglich einen wütenden Anruf hat er getätigt, als er hörte, dass (die sonst allseits geächteten) Schnüffeljournalisten der BILD in seinen Privatsachen bzw. bei seiner Familie recherchieren. Das ist weder verwerflich, noch kriminell. Das hat auch nichts mit Einschränkung der Pressefreiheit zu tun – das war ein absolut nachvollziehbarer, menschlicher Reflex, als Wulff das gefühl hatte, eine private Grenze würde überschritten.
Doch was machen Spiegel, Süddeutsche und Co? Sie übernehmen die Parolen der BILD unreflektiert, und machen daraus eine Riesenstory. Zuerst hat die öffentliche Meinung noch gar nicht reagiert, es war zuerst nur eine hochgeschriebene Story, die von der Presse künstlich gepuscht wurde. Erst mit dem immer neuen Zunder, den die BILD dann ins Feuer goß, wurde daraus kurz nach Neujahr eine echte Brandbombe. Und der sehr ungelenk agierende, keinen weiteren Fehler machen wollende, Präsident, machte es den Brandstiftern ja auch all zu einfach. Hätte er sich gleich am Anfang massiv widersetzt und wäre in die Offensive gegangen – vielleicht hätte es die Eskalation dann gar nicht gegeben. Hätte er den (vollkommen korrekten) Privatkredit nicht ausgelöst, hätte es auch nicht die Angriffe auf den danach geschlossenen Kredit bei der BW-Bank geben können. (Man lernt daraus: am besten gar nicht aus Angst agieren, sondern noch fester zu dem stehen, was man reinen Gewissens getan hat, sonst bietet man den Haien noch mehr blutiges Futter in dem Teich, der Politik heißt).
Egal, was der Präsident danach sagte, wurde reflexartig gegen ihn verwandt. Und auch sein Schweigen wurde ihm als Fehler ausgelegt, es war schlicht ausgemacht, dass er schuldig und des Amtes unwürdig sei – was sollte er da noch tun? So schwieg Herr Wulff recht lange – und vermutlich war sein defensives Handeln am Ende das Präsidialste in der ganzen Schmierenkomödie. Ja er hat sich demutsvoll sogar mehrfach ausdrücklich entschuldigt und Fehler eingestanden. Wer macht das heute schon noch in der Politik. Dafür ist ihm großer Respekt zu zollen. Doch sein Amt ist, wie man so schön im Politikdeutsch sagt, durch das ganze stark “beschädigt”. Auch wenn er gestärkt aus der Affäre hervorgehen dürfte (nachdem die Journalisten von Spiegel, SZ und Co endlich wieder zur Besinnung gekommen sind), so ist das menschliche Element doch durch diese Staatsaffäre weiter abgetötet worden. Wulff und andere Würdenträger werden noch aalglatter auftreten, noch weniger Profil zeigen und sich noch mehr in Deckung begeben, um sich vor weiteren ungerechtfertigten Attacken zu schützen. Es ist insofern unfair (wie z.B. von Heribert Prantl in der SZ getan), Wulff mit seinen honorigen Vorgängern zu messen wie Heinemann oder auch Rau: diese lebten noch in einer Zeit, als die Journalisten noch mehr Ehre hatten, und offenbar weit weniger Druck, “blutige Sensations-Stories” zu präsentieren. Die ganze Geschichte ist so eigentlich ein großes Armutszeugnis für unseren heutigen Journalismus und den Verfall der Sitten. Und die Geschichte zeigt: es ist so leicht möglich, dass sich alle, ja wirklich alle an einer unfairen Hexenjagd beteiligen und auch noch gierig “tötet ihn” rufen, wenn man sie nur ein klein bißchen manipuliert. Bin gespannt, ob sich eine der Medien oder Wortführer dafür eines Tages entschuldigen…
Tags: Affäre, Bild, Bundespräsident, dickmann, Diekmann, glaeseker, Hexenjagd, Manipulation, Moral, Prantl, Präsident, Süddeutsche, Spiegel, Treibjagd, unschuldig, Wulff
27. Januar 2012 um 14:43 |
Sie haben wohl Recht. Die Presse (also auch wir) sind zu weit gegangen. Reine Verdächtigungen wurden so zu Anklagen, ohne dass es Beweise für strafrechtliche oder sonstwede Verfehlungen gegeben hat.
28. Januar 2012 um 13:03 |
War eine irre Nummer, die wir da gestartet haben. Der Wulff hat sich einfach nicht an die Spielregeln gehalten; aber da hat er sich geschnitten: die BILD läßt sich nicht veräppeln. Nicht mal vom Bundespräsi.
Dann ist das ganze doch ziemlich überraschend groß geworden und uns zugegebener Maßen aus dem Ruder gelaufen. Eigentlich unterstützen wir ja sonst erst mal alles, was aus der Merkelschen CDU kommt. So wegen von Friede zu Angela und so. Deshalb halten wir uns jetzt auch zurück. Aber irgendwie ist es zu spät. Ja, vielleicht haben wir uns zu sehr von Emotionen leiten lassen. Ich bin nicht der Typ, der sich für irgendwas entschuldigt. Aber inzwischen wäre mir echt lieber, wenn Gras über die Sache waschen würde. Ihr Artikel darüber ist im übrigen sauber analysiert, Gratulation. Ihr
K. Dickmann