Wein und Heimat

By tageskolumne

„Du bist doch sonst eher Gourmet – warum trinkst Du dann immer diesen Wein?“ Das vernichtende Urteil meines Bekannten über meinen Lieblingsrotwein hat mich tief getroffen. Erst wollte ich mich rechtfertigen, doch es fielen mir keine besonders überzeugenden Argumente ein. Dann wollte ich mit diesem aggressiven Menschen am besten nichts mehr zu tun haben, und habe mich schnell verabschiedet.

Zuhause habe ich mir dann ein Gläschen eingegossen, lange in das tiefe Rot geblickt und sein Bouquet inhaliert. Schließlich wurde mir tröpfchenweise bewußt, was mich an diesen unbekannten Merlot band.  Nein, es war kein prämierter Superwein aus irgendeiner In-Region. Er stammt auch nicht von einem dieser gefeierten Nachwuchs-Weingüter und hat auch keine Empfehlung eines Star-Sommeliers. Und doch ist es für mich ein ganz besonderer Tropfen.

Ich hole ihn seit Jahren direkt beim Erzeuger ab. Ich kenne die Menschen, die ihn keltern und veredeln. Ich kenne die sanften Moränenhügel und die kräftige Erde, auf denen er heranwächst und reift. Wenn ich eine Flasche öffne, spüre ich den Wind und die Sonne seiner Herkunft. Wenn ich ihn schmecke, rieche ich die Salzluft, die Wiesen und Wälder seiner Region. Seine Farbe ist mir seit Jahren vertraut; ja ich bilde mir ein, sein Rot aus tausend ähnlichen Tönen heraus zu kennen. Und seine Wärme durchflutet meinen Körper so wohlig wie kaum ein anderes Getränk auf dieser Welt. Es ist vielleicht kein Spitzenwein, doch für mich ist er etwas viel wertvolleres als das: ein Stück HEIMAT. Er ist verlässlich, er ist authentisch, und mir so vertraut wie ein guter Freund.

Meinem Bekannten habe ich diesen letzten Gedanken im übrigen nicht erzählt. Zum einen hätte er mich bestimmt nicht verstanden. Und ich wollte ihm nicht das Gefühl geben, dass ich den Wein für verlässlicher, authentischer und vertrauter als ihn hielt…. So goß ich mir noch ein Schlummertröpfchen ein, und mußte doch ein wenig schmunzeln über diesen ahnungslosen Gourmet.


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