Aufruf an die Leser: Wählt hier das Thema der nächsten Tageskolumne!

August 11, 2009 von tageskolumne

Welches Thema soll die nächste Sommerferien-Kolumne haben? Bitte entscheiden Sie durch Ihr Votum/Ihren Kommentar hier auf dieser Seite! Folgende Themen stehen zur Auswahl:

1. Das Finanzthema Porsche/VW beherrschte lange die Schlagzeilen – aber niemand hat dabei gefragt, wie dekadent, schädlich & unnütz so ein ein überteuerter Porsche ist.

2. Michael Jackson hatte wahrscheinlich niemals in seinem Leben Sex. Seine Kinder sind auch nicht von ihm? Wie ein Impotenter zum Megastar avanciert (oder umgekehrt…)

3. Amerika hats vorgemacht. Immobilien und hohen Lebensstandard auf Kredit. Warum auch bei uns immer mehr Leute mit “0% Tilgung” ihr Leben auf Pump führen – und vielleicht beim abzusehenden Megacrash glimpflich davon kommen werden.

4. Minister zu Guttenberg. Warum die Wähler sich so sehr nach einem Politiker mit Bildung, Anstand und Kultur sehnen – und ihn hier erstmals seit Jahren finden.

5. Warum die milliardenschweren Hilfspakete der Regierungen den “Kasinokapitalismus” sogar noch stärken.

Jetzt sind Sie dran, verehrte Leser. Ich freue mich auf Ihr Votum.

P.S. nach einem Tag führt Thema 4 knapp vor 3 und 2. Die Entscheidung fällt Sonntag abend 20:00 Uhr…

AN WEN RICHTEN SICH NACHRICHTEN?

Juli 20, 2009 von tageskolumne

Sind die Journalisten eigentlich noch ganz bei Trost? Tickt unser Nachrichtenwesen noch ganz richtig? Seit Wochen, nein: seit Monaten quälen sie uns Normalsterbliche tagtäglich mit Meldungen wie “Diese Woche fällt bei Opel die Entscheidung” und “Der Tag der Wahrheit bei Porsche rückt näher”. Und das nicht etwas in der Wirtschaftskolumne, sondern als Aufmacher in Tagesschau, Tageszeitung und Radionews. Bekanntlich kam es dann in beiden zitierten Fällen doch noch zu keiner Entscheidung. Aber wir Unbeteiligte müssen täglich aufs Neue mitfiebern, ob nun Magna, Fiat, ein belgischer, ein amerikanischer, ein russischer oder gar ein saudischer Investor bei jenen Autofirmen als Anteilseigner mitmischen will. Wir mußten die Guttenberg-Show live verfolgen, wie der Jungminister zum dynamischen Spurt ins us-amerikanische Wirtschaftsministerium ansetzt, wie sich die Politiker Merkel und Steinmeier beim Opel-Betriebsrat die Klinke in die Hand gaben. Und wir mußten ständig in die nichts-sagenden Fratzen der Herren Piech, Porsche und Wiedeking schauen, welche ja doch nur ihre privaten Eigeninteressen verfolgen, und sich da ein Tauziehen um interne Macht bei einer Autofirma liefern. Nicht zu vergessen die Randbeteiligten wie etwa die Betriebsräte der Autofirmen, die nun endlich einmal ihren ganz großen Auftritt vor Fernsehkameras zelebrieren dürfen – auch wenn sie eigentlich nichts zu sagen haben.

Was interessiert uns diese halbgare Information?! Mal davon abgesehen, dass solche finanziellen Beteiligungsgeschäfte gar keine sichtbaren Auswirkungen für den Bürger haben (zumindest in den nächsten Jahren). Seit Monaten jeden Tag aufs Neue dramatisch aufgeheizte Schlagzeilen – doch geschen ist inzwischen rein gar nichts. Opel gehört immer noch GM, VW kommt nicht an Porsche ran — ja und selbst wenn einmal was geschieht, dann ist das doch eine Spartenmeldung im Wirtschaftsfunk, und nicht die große Nachricht des Tages.

Ähnliches gilt aktuell für das Ende der großen Koalition in Schleswig Holstein. Wie der Name schon sagt, handelt es sich hier um eine rein regionale Angelegenheit. Warum muß nun ganz Deutschland im Stundentakt erfahren, dass sich die Herren Carstensen und Stegner persönlich nicht mehr grün sind, wer sich was in dieser Angelegenheit vorwürft etc. Wir werden per Mitschnitt auf Wahlkampfveranstaltungen der beiden streitenden Herren mitgenommen, müssen live verfolgen, wie sie sich zu diversen Äußerungen der Gegenseite verhalten und wie sie durch taktische Spielchen ihre Regierungsmacht in Kiel sichern wollen.

Armer Journalismus, der uns nur noch solch halbgares Zeug vorzusetzen weiß. Früher waren Nachrichten mal relevanter und inhaltsreich.

Twitter – eigentlich nichts als eine Geldmaschine der etablierten Konzerne

Juli 13, 2009 von tageskolumne

Warum liest man so unendlich viel über Facebook, Twitter & Co? Warum überschlagen sich Medien, Hardwareanbieter und Netzbetreiber in Schwärmereien über die schöne neue online-Welt? Ganz einfach, weil sie am meisten davon profitieren. Jede blöde kleine Twitter-Nachricht kostet so zwischen 10 und 20 Cent. Jeder sensationsgierige “Follower” gibt freiwillig Dutzende von Euro dafür aus, um zu lesen, wie es auf dem Klo von George Clooney oder in der Garage eines beliebigen anderen Hollywood-Stars aussieht… Die Anbieter von Internet-Flats finden in den Freunde-Communities zum ersten Mal ihre Rechtfertigung, warum jederman immerzu online braucht (und dafür natürlich ganz ordentlich zahlen soll). Außer einem gigantischen Berg an Datenmüll und kurzfristigem Entertainment steckt aber nichts dahinter.  Mehr gibts dazu eigentlich nicht zu sagen. Und so schließe ich, auch wenn es etwas mehr als 140 Zeichen geworden sind, mit einem sanftmütigen “Gute Nacht”.

Immer wieder Gauweiler

Juli 8, 2009 von tageskolumne

Der bundesweit bekannt gewordene, weil stark polarisierende Politiker Gauweiler (CSU) setzt wieder zum Wahlkampf um sein Direktmandat für den Bundestag an. Sein Vorname Peter ist übrigens so gut wie unbekannt, weil der Nachname so griffig wie ein teutscher Schlachtruf klingt (handelt es sich also weniger um einen normalen Bürger wie Max Müller oder Hänschen Huber, sondern eher um ein Programm?). Nun, jener Gauweiler hat dieser Tage in München Süd unübersehbar den Wahlkampf eröffnet. Mit Grußworten zu Erinnerungsfeiern ausgestorbener Heimatverbände, mit Schirmherrschaften von scheintoten Fahnenweihen und dergleichen. Und das in einer Region, in der längst keine echte Heimatpflege mehr existiert; in Stadtteilen, die weder Kern noch öffentliches Leben besitzen, dafür dicke Hecken und Mauern um alte Villen und reiche Wohnanlagen. Gauweiler setzt ganz auf die Karte “Heimat” und feiert sich selbst als einen – nein als “den” Konservator von Heimatgefühl. Ganz augenscheinlich meint er, sozial, wirtschaftlich und ökologisch sei alles in Butter in seinem Wahlkreis. Deswegen lohnt es sich auch nicht, aktuelle politische Themen aufzugreifen. Heimat solls richten. Sein noch namenloser Kontrahent um das Direktmanadat von der SPD, setzt auf Plakaten dagegen auf “Solidarität”. Auf jene wieder sehr trendige Parole, die gerade vom Papst (Sozialenzyklika vom 7. Juli) bis zur Linkspartei mit aller Kraft propagiert wird. Eine Parole, die in Zeiten der Finanzkrise wieder exrem an Bedeutung gewonnen hat; wo doch einzelne priviligierte Kreise sich ganz unsozial zu Lasten der Allgemeinheit mit Gier und nochmals Gier bereichert haben…

Von all dem bei Gauweiler kein Ton. Er ignoriert offenbar die sozialen Spannungen bzw. Ungerechtigkeiten, die uns als Gesellschaft gerade so beschäftigen. Er glaubt (und wahrscheinlich hat er im Wahlkreis München Süd sogar recht damit), dass soziale Themen nur stören. Hier fährt man halt noch mit dem Audi Q7 zum Einkaufen, und verbrennt gute 22 Liter Super auf dem Weg zum Tengelmann. Hier hat man offenbar von der Finanzabzocke und der Bankergier der letzten Jahre ganz gut profitiert (?). Hier gibt man auch noch gerne 7,80 Euro für eine Maß Bier in der Waldwirtschaft aus, und verlangt für eine 3-Zimmer-Wohnung mit 100qm selbst heute noch gute 600.000 Euro, ja und von hier aus schreiben Autoren des Focus bzw. Manager Magazins, man solle jetzt unbedingt weiter in Immobilien investieren, egal wie teuer sie sind…. Ja, hier in München Süd scheint die Welt noch in sich zu ruhen, und in diesen stürmischen Zeiten endlich Muße vorhanden zu sein, sich endlich mal mit seinem heimatlichen Wurzeln zu beschäftigen. Für einen Politiker, der sich in politischen Auftritten wie auf seinen Plakaten stets selbstzufrieden, selbstüberzeugt und selbstgerecht gebährdet; für einen Politiker, der in Interviews stets behauptet, in seiner Karriere ja fast alles richtig gemacht zu haben; für einen Politiker, der offiziell im nobelsten Münchner Hotel Bayerischer Hof residiert und sich dort für Pressezwecke ablichten läßt; für solch einen eingebildeten Fatzke ist “Heimat” natürlich die populistischste, am wenigsten angreifbare, und immer gut aussehende Ausflucht vor der Realität. Ärgerlich nur, dass solch miese, lebensferne Populisten von diesem Schlag damit immer wieder durchkommen.

Wie werden wir in 10 Jahren über unsere Elterngeneration denken?

Juni 24, 2009 von tageskolumne

Wie werden wir in 10 oder 20 Jahren über unsere Eltern und Großeltern denken? Wie werden wir rückblickend ihr Leben und Handeln bewerten? Wie werden wir über die erste “Nachkriegs-Generation” urteilen, die im Wirtschaftswunder der 1950er Jahre aufwuchs, die sich langsam aus dem engen Korsett ihrer prüden Erziehung schälte, und Zeit ihrer Berufstätigkeit nichts als Aufschwung spürte?! Vielleicht werden wir lachen über ihr Besitzstreben; darüber, dass sie immer dem Geld hinterher hächelten. Vielleicht werden wir aber auch Unverständnis empfinden gegenüber dieser Geldgier, die ja in den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts tatsächlich absurde Züge angenommen hat. Unsere Elterngeneration hortet Schätze, Häuser, Kapitalanlagen. Sie beschäftigen hunderttausende von Steuerexperten damit, Investements auszuknobeln, mit denen man möglichst viel Rendite erhält, aber kaum Steuern zahlt. Die Politiker hingegen stapeln – nur, um den Status Quo der Unternehmer, Angestellten und rentner zu wahren – eine Staatsverschuldung auf, die niemals mehr abzahlbar sein wird. Nach mir die Sindflut, ist das Leitmotto dieser auf Geld undbesitzstandsmehrung fixierten Generation. Einer Generation, die gerade in der aktuellen Finanzkrise noch mal so richtig einkaufen geht und über vermeintlich sichere Anlageformen diskutiert, als wenn nichts wäre. Wahrscheinlich werden wir in 10 oder 20 Jahren auch nicht verstehen können, wie gebannt diese Generation täglich im Börsenfernsehen oder im Internet auf die Dax- und Dow-Werte gestarrt hat, die wie eine Fieberkurve der eigenen Stimmungslage fungieren.  Wir werden auch kaum verstehen können, wieso diese unsere Elterngeneration sich quasi bis in den Tod an ihre Besitztümern festkrallte. Von wegen teilen oder schenken. Nichts darf verloren gehen: Die Kinder sollten sich mal lieber etwas selbst aufbauen, so wie sie glaubten, dass sie es in ihren jüngeren Jahren tun mußten. Dabei sind die “Aufbaujahre” beider Generationen nur schwer miteinander zu vergleichen. Früher schwamm alles im Wachstumstaumel auf einer Welle vorwärts. Heute in übersättigten und komplex globalisierten Märkten muß man dagegen noch so kleine, absurd scheinende Nischen besetzen, um sein Auskommen zu sichern etc. Heute sind alle Dinge verteilt, alles Bauland verbaut, und alle Kontos fett gefüllt. Da bleibt eigentlich kein Platz mehr für Junge. Es sei denn, man teilt alles brüderlich auf. Doch das ist vermutlich genau der kasus knacksus: unsere Elterngeneration hat nicht gelernt zu teilen. Sondern ist geeicht auf Gewinnmaximierung und Wachstum. Und sie wird sich wohl bis zu ihrem Ende nicht mehr umstellen können. So dass die nachfolgende Generation nicht nur die Scherben aufzufegen hat, sondern auch an einer Zeitenwende steht. Die aktuelle Finanzkrise war nur ein zarter Vorbote der Umstürzungen, die folgen werden. In der Hoffnung, dass jene nicht in Krieg und Verwüstung münden, sondern friedlich zu einer neuen Epoche führen, verabschiedet sich der Autor für heute. Und er hofft, dass es in 10 oder 20 Jahren doch Anlass für eine milde Bewertung seiner Eltern und Großeltern-Generation geben wird.

Actimel ist so geil. Ein Selbstversuch mit Maggi, Red Bull und Co.

Juni 13, 2009 von tageskolumne

Wundern Sie sich nicht, werte Leser, wenn dieser Beitrag ein wenig anders anders gestaltet ist als sonst. Wir wollen heute mal schauen, wie neugierig Internet-Roboter, Suchmaschinen und das Industrie-Marketing auf Beiträge sind, die sich mit Produktbewertungen von Usern, pardon: Konsumenten beschäftigen. Dazu folgen nun einige der entscheidenden Stichworte, auf die solche Suchroboter angeblich scharf sind: Actimel schmeckt lecker. Siemens hilft im Haushalt. Maggi ist besser als Knorr.  Ich mag kein Müller ode was, und schon gar kein keine Mogelpackung wie Weihenstephan Milch und Joghurt. BMW ist schärfer als Audi, und Saturn billiger als Media Markt. Jetzt aber Tempo, die Taschentücher sind gleich alle. Alles Red Bull ? Ich hege ja eine große Landliebe. Aber trinke dann doch lieber Großstadtbier als dieses fiese Bitburger oder Krombacher Gebräu. Jetzt bin ich aber Sat 1. Jetzt Shell das Licht ausgemacht und n-tv.

Paradox: Wir jubeln über Staatshilfen – und strafen die politischen Verantwortlichen ab

Juni 8, 2009 von tageskolumne

Kleines, aber aufschlussreiches Detail der letzten Börsenwoche: kaum waren die Staatsbürgschaft und der 300-Millionen-Sofortkredit der Bundesregierung für Opel beschlossen, stiegen der DAX innerhalb weniger Stunden um sagenhafte 4%. Heute, da die gleiche Bundesregierung (natürlich auch als Folge der gestrigen Europawahl) ähnliche Staatsbürgschaften für den Handelskonzern Arcandor ablehnt, verliert nämlicher Börsenindex über 1,6%.

Was man daraus folgern kann: Börsianer und Anleger lieben es, wenn ihnen der Staat Probleme bzw. Schulden abnimmt. Aber sie strafen diejenigen ab, die ihnen diesen Gefallen tun. Die Partei, welche am vehementesten für die Opel- wie die Arcandor-Rettung eingetreten ist – die SPD – bekommt bei der Europawahl gerade mal schlappe 20%, in Bayern sogar unglaublich geringe 12, 5 %. Parteien, die sich gegen solche Staatsgarantien und für soziale Einschnitte (bei den Ärmeren) wenden, werden dagegen massiv gewählt.

Schizophren? Paradox? Mitnichten. Nur ziemlich verlogen. Denen die Geld haben, soll der Staat immer helfen. Solange sie sich hier bedienen können, nehmen sie es gerne mit. Doch ansonsten wollen sie diesen Staat nicht unterstützen, schon gar nicht, wenn sein soziales Gewissen über die Rettung von Aktionären hinaus geht.

30 Mio für den Champions League-Platz

Mai 25, 2009 von tageskolumne

Der FC Bayern kauft sich mal wieder, was er haben will – wenns sein muß, auch Spielergebnisse. Frei nach dem Motto: Scheckbuch zücken ist weniger anstrengend als Fußball spielen. So läßt sich erklären, warum der VfB Stuttgart fast kampflos sein letztes Saisonspiel verlor.

1. Akt: kurz vor Spielbeginn des letzten Bundesliga-Spieltages gibt der FC Bayern überraschende Interviews, in denen er sein Interesse am Spieler Mario Gomez (vom heutigen Gegner VfB Stuttgart) äußert.

2. Akt: der VfB Stuttgart verliert nach einer merkwürdig schwachen Leistung das so bedeutsame Entscheidungsspiel gegen die Bayern – und damit seine Chance zur direkten Qualifikation für die Champions League. Dafür sind die Bayern nun sicher in der Königsklasse des europäischen Fußballs.

3. Akt: In den Interviews direkt nach Spielende zeigen sich Spieler, Trainer und Manager des Verlierers Stuttgart ungewöhnlich zufrieden. Sie sprechen in fröhlichem Ton von einer tollen Saison und blenden sowohl die Niederlage als das Verfehlen der finanziell so bedeutenden Champions League vollkommen aus.

4. Akt: zwei Tage später bekräftigt Bayer-Manager Hoeneß das Interesse am Stuttgarter Gomez und bringt großzügig eine Summe “30 Mio plus x” ins Spiel. Nicht nur, dass diese Summe sämtliche bisherigen Bundesliga-Transfers in den Schatten stellen würde. Der Marktwert für den oftmaligen Unglücksraben Gomez war bis dato ganz klar in einem viel niedrigeren Bereich.

Es bleibt der üble Verdacht, dass es sich bei der ganzen Inszenierung um ein abgekartetes Spiel handelt, bei dem die Bayern mal wieder kurz vor Saisonende lieber das Scheckbuch gezückt haben, ansatt irgendein Risiko bei ihrem zentralen Thema Champions League einzugehen. Wird Stuttgart hier kaiserlich belohnt für eine Niederlage am letzten Spieltag?!

Im Auge des Orkans. Warum unsere Gesellschaft einmal innehalten sollte.

Mai 14, 2009 von tageskolumne

Haben wir nicht alle dieses beklemmende Gefühl, schon seit Jahren: alles wird immer hektischer, die Zeit rast? Die neueste Umfrage der Techniker Krankenkasse bestätigt unser Gefühl: bis zu 42% der befragten Deutschen sagen aus, ständig gestresst zu sein. Und unser Stress nimmt ja ständig weiter zu: mental durch die nicht enden wollenden bad news der Finanzkrise. Physisch durch die immer höher werdenden Leistungsanforderungen in Job und Familie. Viele empfinden ihr Leben wie den Weg in das Innere einer Spirale: die Runden werden immer schneller, bis man schließlich am Ende angekommen ist und sich nur noch um sich selber dreht.

Millionenfach steckt hinter diesem Gefühl die gleiche Geschichte: der soziale (und finanzielle) Status erodiert, Menschen kämpfen verzweifelt darum, sich ihr Leben in Wohlstand und Sicherheit noch leisten zu können. Ob die ambitionierte Studentin, die nach 12 Semestern und zwei brotlosen Praktika jetzt im Call-Center Handyverträge verkloppen muß. Die Verkäuferin, die inzwischen auf 4,50 Euro Stundenlohn gesunken ist und trotzdem keinen sicheren Arbeitsplatz hat. Der Freiberufler, der trotz zwei Nebenjobs seine Miete nicht mehr zahlen kann. Oder der Manager, der bald rund um die Uhr im Einsatz ist in dauernder Angst um seinen Job. Überall im sog. Mittelstand die gleiche Story. Und kein Ende in Sicht. im Gegenteil: Angst essen Seele auf, und schafft so dauerhafte Schäden. Talente werden als Taxifahrer, Putzkraft oder eben im Call-Center vergeudet. Menschen und Gesellschaft verkrüppeln. Die Umfrage der Techniker Krankenkasse wäre für diese Erkenntnis gar nicht nötig. Es genügt, sich einmal 10 Minuten lang die Gesichter der Passanten in einer Fußgängerzone anzusehen: gestresst, grimmig, mit gesenktem Blick. Kein Vergleich zu der gleichen Szenerie vor 10 oder 20 Jahren. Damals sah man viel mehr Menschen lachen und nach vorne sehen.

Eine Gesellschaft, die sich nur noch selbst verwaltet und versucht, einen bestimmten Status zu bewahren, kann sich nicht entwickeln. Eine Gesellschaft, die immer nur auf Geld und Leistung setzt, zerbricht in der Krise, da sie ohne Wachstum nicht existieren kann. Und eine Gesellschaft, die nichts als Geldvermehrung mehr kennt, hat keine Identität mehr.

Wie weit wird dieser Prozess (den ja alle bejammern, aber nicht im mindesten ändern) noch weiterlaufen? Bis unsere Gesellschaft im wahrsten Sinne durchdreht und erst einige, schließlich alle umkippen? Oder glaubt irgend jemand, dass im Zeichen der globalisierung Stress und Krise wieder abnehmen und allgemeine Entspannung einkehren wird?? Ich plädiere an dieser Stelle für ein Memorandum, ein kurzes Innehalten; und zwar von allen. Am besten nicht nur national, sondern europaweit. Sagen wir zuerst einmal einen Tag lang. Einen Tag das Leben anders gestalten als wir es in unserem Leistungsdenken kennen: Einen Tag ohne Geld und Druck. Einen ganzen Tag keinen Stress verbreiten und erleiden. Einen Tag keinen Leistungsdruck machen oder spüren müssen. Einen Tag nichts verlangen und nichts zahlen müssen. Klingt wundersam, könnte jedoch einen noch wunderbareren Effekt auf die Menschen haben.

Wie ein solcher Tag ganz ohne Geld und Stress ausgestaltet werden könnte, klingt erst einmal fremd, ist jedoch ganz einfach: die Angestellten arbeiten wie gewohnt, bekommen jedoch keinen Lohn. Gleichzeitig zahlen sie für diesen Tag auch keine Miete, keinen Fahrschein, und kein Essen in Kantine oder Imbiss. Da auch Telefonieren an diesem Tag frei ist, kann jeder seinen Lieben mitteilen, wie sich der Tag für ihn darstellt, kann Empfindungen kostenfrei teilen. Am Abend kann jeder seine Eindrücke beim kostenlosen Umtrunk in seiner Kneipe oder bei einer der vielen kostenfreien Parties austauschen oder im ebenfalls eintrittsfreien Kino entspannen. Und im fernsehen laufen an diesem Tag statt der Werbeblöcke Reportagen aus dem ganzen Land, in denen Eindrücke der Menschen aufgearbeitet werden. Alle erleben an diesem Tag des Innehaltens das schöne Gefühl, das eben nicht alles am Gelde hängt, sondern am Gemeinschaftssinn. Das ganze funktioniert, wenn alle Mitmachen und auch bereit sind zu improvisieren; wenn klar wird, dass es (zumindest an diesem Tag) nicht um Raffgier, Schnäppchen abgreifen oder Geschenke einsacken geht, sondern um eine Gemeinschaftserlebnis für alle. Die Politik wäre gefordert, alles für ein Gelingen dieses Elementarerlebnisses zu tun. Dann ist auch Wiederholung nicht ausgeschlossen und positive Folgen und Effekte für unser Gemeinwesen wären gesichert.

Widerspruch inbegriffen: “Jetzt in Immobilien investieren”

Mai 14, 2009 von tageskolumne

Komisch, dass ausgerechnet die Medien, welche von den besitzenden “oberen Zehntausend” gemacht werden,  jetzt mit aller Vehemenz die Investition in Immobilien empfehlen. Laut wie nie werben die Chefredaktionen von Capital, Manager Magazin oder Focus dafür, jetzt unbedingt Immobilien zu kaufen. Also genau jene Leute, die bereits überall Häuser und Grundstücke besitzen, fordern ihre Leser auf, jetzt ihr Geld genau dafür auszugeben, bevor angeblich die erhöhte Inflation Bargeld entwerten würde.

Der Widerspruch in dieser Immobilienkampagne liegt darin, dass irgendwer ja die Immobilien auch verkaufen muß. Und jener hat dann nach dem Verkauf wieder nur “unsicheres” Geld in Händen anstatt der angeblich so inflationssicheren Immobilien. Frage: was macht denn der Immobilien-Großverkäufer dann mit seinen Millionen? Wiederum in Immobilien zu investieren wäre Blödsinn. Denn die Preise dürften, schon aufgrund des allgemeinen Immobilien-Booms, weiter steigen und er müßte also für gleiches sogar mehr bezahlen.

Bleibt also die Vermutung, dass es sich bei der Immobilien-Kampagne doch nur um eine konzertierte Aktion des “Kapitals” handelt. Mit enormem Effekt: die Kampagne hilft, Verkaufspreise stabil zu halten oder sogar zu steigern. Das ist schon beachtlich in Zeiten von Krise und Deflation. Während überall geklagt wird, erleben Makler und Immobilienmärkte (zumindest im Süden der Republik sowie in Ballungsräumen wie hamburg, Berlin oder Dortmund) ungeahnte Höhenflüge. Die Treiber der Kampagne können zudem erleben, wie ihre eigenen Liegenschaften so eine überraschende Wertsteigerung durchmachen. Selbst “Schrottimmobilien” und abbruchreife 50´er Jahre-Häuschen stellen so plötzlich wieder reale Werte dar. Und die tumbe Masse schiebt den Landbesitzern und Großbauträgern ihre kläglichen Ersparnisse auch willfährig in den Rachen. Hat doch prima geklappt mit dem Immobilien-Trick.